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ARGOS Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks (1928 - 2003) Band 3, September 2008 312 S., Klappenbroschur, 14.90 EUR ISBN 978-3-940884-23-7
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Pressestimmen
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* P.N., Neue Maßstäbe; in: Trotz Alledem v. 12.11.2008:
Das dritte, eben erschienene Heft ist, ich sage es gleich vorweg, nicht nur das umfangreichste, sondern auch das beste. War das erste Heft natürlicherweise noch geprägt von programmatischen Aufsätzen, und lag der Akzent des zweiten Heftes insgesamt vielleicht eine Spur zu sehr auf dem anekdotisch-biographischen Feld, so liegt der Schwerpunkt des dritten Heftes, obgleich in ihm die Dokumentation um die sogenannte Hacks-Renaissance in den Feuilletons des Landes einen beachtlichen Raum einnimmt, klar auf den klassischen Gebieten der Philologie.
Den Anfang machen zwei Aufsätze, die sich der Interpretation des Hacksschen Werks widmen, dabei jedoch von praktisch entgegengesetzter Methode sind: Kai Köhler widmet sich einem bestimmten Thema, der Figur des Königs bei Peter Hacks, und untersucht unter diesem Aspekt alle in Frage kommenden Werke des Dichters. Felix Bartels hingegen wählt sich ein bestimmtes Werk, „Die Gräfin Pappel“, und untersucht es nach allen Themen, die in ihm zu finden sind. Köhlers Methode hat einen Vorteil, und dieser Vorteil ist zugleich auch ihr Nachteil. Während man an ihr gerade das Übergreifende rühmen muß, und sich auf diese Weise eine Art Gesamtbild zur Königsfigur bei Peter Hacks – ein übrigens hochpolitisches Thema! – ergibt, ist es doch schwer vorstellbar, daß ein Leser, der all diese Werke nicht gelesen oder nur noch schwach in Erinnerung hat, mit Köhlers Aufsatz in dem Maße etwas anfangen kann, wie es vielleicht beabsichtigt ist. Es wäre aufgrund ihrer Menge mit Sicherheit ein zu umfangreiches Unternehmen geworden, auf die einzelnen Werke ausführlicher einzugehen, aber das erklärt nur dieses (einzige) Manko von Köhlers Aufsatz und behebt es nicht. Genau diese Ausführlichkeit aber, die man bei Köhler vermißt, ist es, die Felix Bartels in satten Maßen liefert. Mit 78 Seiten stellt er den bei weitem umfangreichsten Aufsatz des Heftes, und es ist wirklich erstaunlich, welch eine Menge an Wirklichkeit er mit der Interpretation der „Gräfin Pappel“ aus diesem kleinen Märchen herausholt. Man lernt, diesen Aufsatz lesend, nicht nur vieles über Peter Hacks und sein Denken, sondern stößt darüber hinaus in die politischen und gesellschaftlichen Geheimnisse der Lebenswelt von Hacks, insbesondere des DDR-Sozialismus, vor. Die Gräfin Pappel nämlich, so Bartels’ These, steht für den Kapitalismus, Philibert, der Hauptheld des Märchens, dagegen für Hacks selbst. Nicht zufällig also flieht der Held die gesamte Erzählung hindurch vor der Gräfin Pappel, und Bartels schlüsselt jede Station seiner Reise akribisch auf. Auch wenn man an einigen Stellen das Gefühl bekommen kann, daß er den Bogen etwas überspannt, daß er sozusagen zu viel Wirklichkeit aus dem Werk herausholt, bleibt seine Arbeit das eindrucksvollste Stück dieses ARGOS-Heftes.
Ronald Weber widmet sich der „Geschichte eines Mißverständnisses“, der Rezeption von Peter Hacks in der BRD bis 1990. Dieser schon vom Materialwert her einmalige Aufsatz trägt zusammen, wie Hacks in der westdeutschen Theater- und Feuilletonlandschaft verstanden oder vielmehr mißverstanden wurde. Was der Aufsatz vor allem hinterläßt, ist der lebendige Eindruck einer übersteigerten Bereitschaft, den Dichter Hacks, der nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, dennoch so zu lesen und zu verstehen, wie man es (im Westen) gern hatte. Das beginnt bei der These des Brechtepigonen Hacks, setzt sich fort über die These vom Dissidenten Hacks und endet beim Trugbild des Eskapisten und Einsiedlers, das bis zum Tod des Dichters und noch bis heute sich fortwebt.
Christian Klötzer, der seit 1956 für die NVA-Zeitschrift ArmeeRundschau arbeitete, trägt einen Erinnerungstext bei, dem man ungeahnte Seiten an Peter Hacks entnehmen kann. So erfährt man, daß der Klassiker Hacks tatsächlich eine ganze Weile für die ArmeeRundschau und andere Zeitschriften Agitprop-Texte verfaßt hat, was er später aus ästhetischen Gründen unterließ, was aber dennoch seine Bereitschaft dokumentiert, sich in den Staat, den zur Heimat er sich gewählt hatte, politisch einzubringen.
Einen gewissen Raum nimmt die Dokumentation der Jubiläumsartikel aus dem Frühjahr dieses Jahres, als der 80. Geburtstag von Peter Hacks sich ereignete, ein. Kundige wissen, daß André Thiele, der Herausgeber des ARGOS, nach einem wegweisenden Artikel des Mitherausgebers der FAZ, Frank Schirrmacher, das Wort von der Hacks-Renaissance geprägt, worunter die Rückkehr des seit Jahrzehnten boykottierten Dichters auf die große Bühne zu verstehen ist, und dafür mehrfach angegriffen worden war. Gegenstand des Ärgernisses war, daß Thiele den Versuch Schirrmachers, den Hacks-Boykott zu durchbrechen, nicht durchaus verurteilte, sondern als einen Schritt in die richtige Richtung darstellte. Für seine Verteidigung des Antikommunisten Schirrmacher zog sich Thiele den Ärger der jungen Welt zu, die sich sodann des Antikommunisten Wiglaf Droste bediente, um gegen Thiele zu Felde zu ziehen. Der Ärger über das durchweg primitive Niveau der Angriffe gegen seine Person ist Thiele in seiner Einleitung „Eine erste Hacks-Renaissance“ denn auch deutlich anzumerken. Dokumentiert werden im Anschluß daran drei Artikel, die im Frühjahr 2008 in den Gazetten erschienen sind, nämlich: Frank Schirrmachers bewußter Artikel „Er denkt also, wie er will“, Dietmar Daths „Ihm war zeit seines Lebens kalt“ und Jens Biskys „Also ist die Lösung nicht die Lösung“. Schirrmacher beeindruckt immerhin durch eine Differenziertheit im Umgang mit Hacks, die man bei bürgerlichen Autoren eher selten findet; dennoch kann er nicht aus seiner Haut. Für ihn geht der Weg zu einer neuen Hacks-Rezeption notwendig über das Ausblenden des Politischen bei Hacks. Intelligenter in dieser Frage scheint Bisky, der sich bewußt einem schwierigen und politisch brisanten Thema bei Hacks widmet: dem von Hacks geplanten und (leider) nicht realisierten Ulbricht-Drama, dessen Thema die Absetzung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker (also, wie Hacksianer wissen, die „Wende vor der Wende“, der vorweggenommene Untergang der DDR) sein sollte. Leider bleibt Bisky weit hinter den Erwartungen zurück, die dieses Thema hervorruft. Dietmar Dath schließlich schreibt einen kongenialen und hochintelligenten Text über den Klassiker Hacks. Bemerkenswert ist, daß er mit Nachdruck den Klassiker Hacks verficht, sich also dümmlicher Beckmesserei enthält und vielmehr prüft, was von dem, was Hacks uns überliefert hat, wir gebrauchen können. Es ist von jeher das Zeichnen der klugen Köpfe, daß sie mehr als an den Brüchen an den kontinuierlichen Linien der Entwicklung interessiert sind. Negieren kann jeder Idiot, viel schwerer ist es, eine Sache aufzunehmen und fortzuentwickeln, d.h. sich der Verantwortung der Geschichte zu stellen. Und einmal mehr beweist Dietmar Dath, daß er unter die klügsten marxistisch-leninistischen Köpfe unserer Gegenwart zu zählen ist.
In der Rubrik „Diskussion“ findet sich ein Aufsatz von Jens Mehrle: „Der insgeheime Hacks“, worin der Autor die in den ARGOS-Heften 1 und 2 erschienenen Aufsätze von Michael Mandelartz und Ingo Way kritisiert. Beide Autoren dürfen, auch wenn ihre Positionen kaum miteinander vereinbar sind, als Vertreter einer bürgerlichen Hacks-Rezeption gesehen werden. Mehrle kritisiert Way und Mandelartz separat, weist aber beiden Autoren nach, daß ihre Forschungsergebnisse durch vorgefaßte Meinungen und Interessen geprägt sind und daß sie sich weniger für Hacks selbst interessieren, als in ihm ein Projektionsfeld ihrer eigenen Bedürfnisse gefunden haben.
Die Rubrik „Aus dem Archiv“ dokumentiert jene, oben schon erwähnten Agitproparbeiten, sachverständig eingeleitet von Annette Lose.
Im Abschnitt „Rezensionen und Berichte“ findet sich – wohl aus Platzgründen – diesmal nur eine Rezension, nämlich eine Besprechung von Marco Tschirpkes Hacks-Vertonungen, die als Tonträger unter dem Titel „Der Himmel ist voll Dampf“ erschienen sind. Tschirpke ist ein eigenwilliger, aber virtuoser Komponist. Der Rezensent Daniel H. Rapoport scheint ein ebenso eigenwilliger und virtuoser Kopf zu sein. In der Besprechung findet sich manche steile These, aber nur schwer ließe sich eine sensiblere und scharfsinnigere Rezension dieser Vertonungen denken.
Mit je einer Liste zu den aktuellen Inszenierungen von Hacks-Stücken und den neusten Publikation von und zu Hacks schließt das Heft ab.
Das dritte Heft setzt neue Maßstäbe, gerade auch, was das wissenschaftliche Niveau angeht. Darunter kann Hacks heute nicht mehr verhandelt werden. Wer sich für Hacks interessiert, wird um ARGOS nicht herumkommen können.
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